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___Festival spezial 2017________________________________

Torild Wardenær
(Norwegen / Norway)
Mittwoch, 8. November, 19 Uhr
Naturhistorisches Museum - Vogelsaal

Torild Wardenær gab 1994 ihre erste Gedichtsammlung mit dem Titel In der Pionierzeit heraus. Diese, gefolgt von weiteren neun Gedichtsammlungen, wurden alle im Verlag Aschehoug, Oslo veröffentlicht. Mehrere von Wardenærs Werken sind ins Englische, Deutsche und Französische übersetzt worden, darunter zuletzt: Während der Higgsboson nagt (Mens Higgsbosonet Gnager) 2011, Passwort: Kairos (Passord: Kairos) 2013 und Verlauf (Forløp) 2016.

Wardenærs weitreichende literarische Produktion umfasst Gedichte, Theaterstücke, Essays und Übersetzungen. Sie arbeitet häufig mit Künstlern unterschiedlicher Genres zusammen und ihre Arbeiten wurden in eine Vielzahl von interdisziplinären Projekten integriert. Ein Höhepunkt war ihre Teilnahme gemeinsam mit vier Künstlern an "Horizons and Fragments", einem Landschaftskunstprojekt, das im Rahmen von "Stavanger als Europäisches Kulturhauptstadt 2008 " realisiert wurde.

Wardenærs neueste Sammlung von Poesie, Verlauf (Forløp), wurde bei Aschehoug im Jahr 2016 veröffentlicht.

Torild Wardenær debuted in 1994 with a collection of poems entitled In The Pioneer Time, followed by nine collections, (all published by Aschehoug). Most of her books are translated into English, the most recent being: Mens Higgsbosonet gnager (While the Higgs boson gnaws) in 2011, Passord: Kairos (Password: Chairos) in 2013 and Forløp (Unfolding) in 2016.

Her literary production includes plays, essays, fiction and translations. She frequently collaborates with artists in different genres, and her work has been included in a wide variety of interdisciplinary projects. A high point was her participation with four other artists on “Horizons and Fragments”, a landscape art project undertaken as part of “Stavanger, the European Cultural City” in 2008.
Wardenær’s latest collection of poetry, Forløp (Unfolding), was published by Aschehoug in 2016.

Erbstück CCCXXXV

Experiment Crucis I

 
Ich versuche die Welt fortzuschreiben, nichts Geringeres als die Welt.
Die Anstrengung greift um fast alles, aber die Ordnung der Vögel mit ihren
galaktischen Flügelspannen entkommt, und deshalb beherrscht das Gedicht den Grund
zermalmt Reihenfolgen und Wortklassen und versucht aufzusteigen
während ich ordne, flügellos, an die Erde gebunden.

Doch die Vögel machen keinen Unterschied zwischen Worten und kurrrhh und
Zahlen und sich selbst,
sie drücken alles aus in einem kek kek kek kek keaah oder prrrt kabrik prrrt kabrik
in einer begnadigten Flucht von Babel oder welchem Ort auch immer wo Menschen
die Sprache verloren haben oder Worte zerstört oder diktiert haben, und
die Vögel sind deutlicher als alles was ich kenne,
mit ihren mündigen Aufrufen teilen sie den Tag ein in
drei, vier, fünf, acht strahlende Einheiten:
Kekekeke woikawoikawoika - komm zu diesem Baum, zu dieser mathematischen
Schule, aufgeweicht von Nebel und gebrochenem Licht, wo die Larven mehr
und mehr über ihre Verwandlung lernen in einer nicht auszurechnenden Gleichung;
werden sie wie der Schmetterling
oder werden sie Futter für die Singvögel?

Der Fuchs kommt zu Besuch, kalkuliert, schleicht
der Bote addiert, hebt alles auf das nächste Niveau und Corvus corax fliegt ein
eine neue Formel für diesen Tag mit drei korp, korp, korp,
und Hauhechel-Bläulinge multiplizieren
kaykay kaykaykay kaykaykya so langebis die Fakultät anerkannt ist und
westlich vom Nest gesichert, wo das Gewölle der Mäuse auf Waldboden trifft
und sich aufteilt
in würdige Fragmente Mäuseskelett und Hasenhaar.

 

Und das Licht löst die Formel so leicht, so leicht, denn
Licht=Licht, und
die Tage werden sechsundzwanzig Stunden haben,
die Jahre schwirren entzückt um ihre größten Monde.

Schöner kann es nicht werden,
wissenschaftlicher kann es nicht werden.

 

aus: Mens Higgsbosonet gnager, 2011 (While the Higgs Boson gnaws)

Erbstück CCCXCIII

Vogelstation II. Ein Futurum


Die Vögel lügen, es würde schneien im Weltraum,
aber sie zwitschern Wahres von Zweifel und Glaube und bestehen auf die Worte von St.
Augustinus: Die Toten sind unsichtbar, aber nicht fort. Ich streife umher und frage,
die Welt ist möglich und
unmöglich, ich lasse mich führen, aber taumele und nestele -
es fängt an, unverständlich zu werden, ich muss mich da hindurch
atmen, versuchsweise, müssen wir uns alle da hindurch atmen,
auch in Zukunft, versuchsweise und zum ersten
Mal, zum allerletzten Mal atmen,

denn alles kann geschehen, keiner weiß etwas,
alles kann so unverständlich werden wie das Wort „beryllium“,
und eine gewöhnliche Angst
kann den Intellekt zu Tode gestochen, oder am Leben gelassen haben
vielleicht werden Reste von Rosmarin im Blut bleiben, Senf, Morphin
beryllium kann den Sauerstoff ersetzt haben oder die eingefallene DNA,
die verschwundene Stelle, und
vielleicht wird man einen neuen Zufluchtsort errichtet haben, wer weiß -
pompös und Versailles-bepudert, oder eher,
hoffe ich, solide gebaut wie eine nördliche Hafenstadt,
und es wäre vielleicht erschreckend und
unausweichlich dunkel dort, denn Nacht wäre es schon,
aber die Nebennierenrinde wird leuchten können wie
Plankton auf dem Meer, die Sterne werden leuchten können wie Plankton auf dem Meer,
Plankton auf dem Meer wird leuchten können wie
Plankton auf dem Meer.

 

aus: Passord: Kairos, 2013 (Password: Chairos)

Genius loci


Du bist jetzt an einem anderen Ort.
Ich weiß nicht wo.
Darüber wundere ich mich: Dass wir nicht eins sind.
Und waren wir das überhaupt irgendwann, aus einem Fleisch?
Vielleicht lediglich in der einen oder anderen schwärmerischen Liturgie?
Ich werde von Zweifeln geplagt, Linderung verschaffen
die Umgebungen; besonders die Bäume
die wunderbaren Geschöpfe, tief verwurzelt
tief geheimniserfüllt sprechen sie chlorophyllklar, und
die Jahreszeiten, die eigentlichen Vormunde, vereinen uns auch, aber

die Trennung vollzieht sich weiter und
setzt sich fest in der Brust,
in Erinnerung an das Mal, als es war als atmeten wir die gleiche Luft
als ob der Atemzug uns vereinen könnte
als ob es möglich wäre mit den gleichen Lungen zu atmen und damit füreinander zu leben,
aber würden wir so zu einem Fleisch werden?
Der Zweifel und die Sehnsucht danach erfüllen mich gleichermaßen mit Scham,
denn ich sehe ja, dass
Espe und Eiche und jede Jahreszeit an alles gedacht haben;
es hier deponiert haben in einem Schrein,
einem Grundstein.

Die naturwissenschaftlichen Gesetze klappern mit ihren Deckeln,
aber der Geist des Ortes ist
losgekommen, wirkt in seiner ganzen ätherischen Pracht,
in seiner ganzen weltlichen Schlichtheit
und gibt uns, jeder auf seiner Seite

genug, zum atmen
genug, zum leben.

 

aus: psi, 2008

Im Töchterbündnis


Ich werde gelegentlich von einem hochfrequentierten Laut niedergeschlagen,
und stehe daraufhin auf und
sehe, dass er das kupferacetatgrüne Gewand aus Kord angelegt hat, dass ihm so gut steht.
Er ist der Stärkste in der Werkstatt der toten Seelen,
und auf den berüchtigten Jagdgründen ist er
kühn, mein Vater, und in den Hallen mit den offen gehaltenen Verbindungen
umgibt er sich leichterdings mit seinen liebsten
Freunden: Mutter, Aristoteles, Kierkegaard und Dante.
Er spannt den Tod vor den Wagen des Lebens, sieht mich weiter weg,
bringt meine Kleider in Ordnung
schickt mir Ermahnungen am Tag und in der Nacht:

-du weißt, Gold besitzt einen hohen Schmelzpunkt
-du weißt, was obligata bedeutet
-du kennst die Pflicht der Liebe

Er zieht mich groß, streng aber gerecht.
Oh, ich könnte Seiten und Seiten schreiben über die einsamen Manifestationen der Nacht.
Seiten beschreiben mit Erzählungen über die Leere des Alls, die Fülle des Verlusts, aber
ich fasse mich kurz.
Für Stunden, für Monate lausche ich stattdessen dem Äther wie einem Stück
auf einem barocken Cembalo, entspannt - denn ich befinde mich im Töchterbündnis.
Gegen das glühende oder eisbepackte All halte ich gleichmäßig über 36,9 grad celsius, - aber frage nicht wie lange
ich den Mantel der Götter noch leihen kann, wie lange
ich mich noch so versorgt wissen kann.

 

aus: psi, 2008