Schamrock - Salon der Dichterinnen




__Pressestimmen

SZ 10 2010 (Portrait) | MM 10 2011 | SZ 9 2011 | MM 12 2010 | MM 12 2010 | MM 10 2010 | MM 7 2010 | MM 3 2010 | SZ 9 2009 | MM 9 2009 | SZ 2 2009 | MM 2 2009 | SZ 2 2009
__Süddeutsche Zeitung, 23. Oktober 2010
Mehr Größenwahn wagen
Die Multikünstlerin Augusta Laar pflegt den "Schamrock - Salon der Dichterinnen" und lädt Lyrikerinnen aus Österreich ein.

Vielleicht Lyrikvermittlerin. Augusta Laar schmeckt das Wort vorsichtig ab. Die Bezeichnung beschreibt ihre Arbeit im Projekt "Salon der Dichterinnen" ganz gut. Aber darauf festgelegt werden - sie wiegt langsam den Kopf - das will sie nicht. Schließlich hat sie mehrere Berufe. Oder Berufungen: Lyrikerin, Musikerin, Bildende Künstlerin, Performerin, Veranstalterin, Klavierlehrerin, DJane - gelegentlich legt sie in der "Favorit Bar" auf. Trotzdem ist ihr die Zeit, die sie darauf verwendet, in anderen Menschen Lust an Lyrik zu wecken, wichtig. "Das finde ich seelisch anregend."

In erster Linie deshalb, weil sie das Gefühl hat, durch die anderen Künstlerinnen viel zu lernen. "Das Zuhören ist ungeheuer wichtig." Gemeinsam mit Karl Wallowsky initiierte sie bereits 2006 die "Lyrik Plattform" im Giesinger Bahnhof. Drei Jahre später begann sie mit Gabriele Trincekler "Schamrock - Salon der Dichterinnen" aufzubauen. "Uns schwebte ein internationales Netzwerk für Autorinnen jeden Alters vor", erläutert Augusta Laar. Den Namen "Schamrock" entliehen sie ihrem gleichnamigen Flüstergedicht.

Nach fast zwei Jahren, sechs Salons und inzwischen allein - Gabriele Trinckler hat sich zurückgezogen - weiß sie, dass der Zyklus der Jahreszeiten, mit dem die Reihe 2009 startete, dem Publikum gefiel, aber den Autorinnen nicht behagte. Die Frühlingsdichterinnen hatten zwar keine Probleme mit der Einstufung nach Alter, aber die Herbstfrauen reagierten wenig angetan. Jetzt sind die Veranstaltungen thematisch konzipiert - "Kinder können dichten" hieß es im Juli Salon - oder konzentrieren sich darauf, Lyrik aus deutschsprachigen Nachbarländern vorzustellen. Im Frühjahr gastierten im Salon Schweizer Poetinnen, und an diesem Sonntag sind Gedichte "made in Austria" dran.

Anna Guentcheva, Traude Korosa, Carina Nekolny und Judith Pfeifer, vier in Wien lebende Autorinnen aus unterschiedlichen Regionen Österreichs und Osteuropas, werden lesen und anschließend mit dem Publikum diskutieren. "Als Philologinnen, Politologinnen und Autorinnen untersuchen sie die weiblichen Komponenten der Sprache und legen manipulative Sprachstrukturen radikal offen", heißt es im Pressetext. Klingt ein bisschen feministisch. So ganz will Augusta Laar das nicht von der Hand weisen. Schließlich hat sie den Salon auch deshalb initiiert, weil es für Dichterinnen deutlich weniger Möglichkeiten gibt, ihre Texte öffentlich zu lesen als für männliche Kollegen. Häufig würden Frauen die existierenden Foren scheuen. "Männer sehen das sportlich und gehen hinein wie in einen Wettbewerb, Frauen fehlt oft das Selbstbewusstsein dazu." In Lyrik Anthologien seien Autorinnen ebenfalls unterrepräsentiert, mit ein Grund, warum Laar den Aufbau einer Online Anthologie plant. Der schlimmste Fehler von Frauen sei eben, zitiert sie die Schriftstellerin Irmtraud Morgner, ihr Mangel an Größenwahn.

Laar selbst, 1955 als Tochter einer Schweizer Mutter in Eggenfelden geboren, hat zeitlebens geschrieben, aber nicht immer für die Öffentlichkeit. Mitte der neunziger Jahre das Leben hatte ihr gerade einen Tritt versetzt, der eine Seele töten kann - entschied sie sich dafür, an ihrem Schreiben andere Menschen teilhaben zu lassen. Ihre kurzen Gedichte spielen mit Alltagswahrnehmungen. "Ich finde Lyrik an jeder Straßenecke, arbeite mit gefundenen Wörtern und verwandle sie in eine rhythmisch verdichtete Sichtweise der Welt", sagt sie. Deshalb gibt es keine endgültige Versionen der "Wortobjekte", nur Entwürfe für weitere Texte. Das Konzept der sich verändernden Strukturen funktioniert auch in den Performances von Kunst oder Unfall, einem Electronic Poetry Duo, in dem Laar mit ihrem Mann Kalle Laar, Gründer des Temporären Klangmuseums, auftritt.

Zu ihrer Umtriebigkeit passen mehrere Wohnsitze. Normalerweise lebt sie in Krailling, aber zeitweise auch in Wien. Dort organisiert sie gerade transnationale Lyriklesungen im Import/Export Container unter der Zentralbibliothek. Keine Frage, dass die Planung für den Wintersalon bereits fix ist. Unter dem Titel "… lebt und arbeitet in München" werden Birgit Müller Wieland, Tamara Ralis, Sarah-Ines und Barbara Seeberg lesen. Und 2011 wird sich einer der Salons im März mit 100 Jahre Frauentag beschäftigen. Angedacht sind ein Lyrikfestival undundund. Doch, die Zeit reiche ihr schon aus für alle Pläne, Konzepte und fürs Schreiben. "Das Leben wird einfacher durchs Älterwerden", findet sie. "Wer sich damit abgefunden hat, dass er nicht mehr weltberühmt wird, hat gewonnen."

Sabine Reithmaier

__Münchner Merkur, 5. Oktober 2011
LYRIK-ABEND
Gedanken und Gedichte der Kaiserin Sisi

Was immer noch wenigen bekannt ist: "Sisi', die spätere Kaiserin Elisabeth von Osterreich, hinterließ ihrer Nachwelt rund 600 Gedichte. Ihr "Poetisches Tagebuch", das erst 60 Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht werden durfte, ist umso mehr von historischem Wert, da es nicht nur die gebrochene Persönlichkeit der "Heimatfilmikone" freilegt, sondern auch einen Blick auf das "wahre Leben" am Wiener Hofe zulässt.

Die Dichterinnen Judith Pfeifer, Sandra Gugic und Sophie Reyer haben die adelige Migrantin "Sisi" zu ihrem persönlichen Projekt erklärt. In umgekehrter Richtung haben sich die drei Wienerinnen in Bayern auf Spurensuche gemacht und mit neuen lnterpretationen der Versvorlagen eine Frau zum Vorschein gebracht, die verzweifelt und selbstzerstörerisch rebelliert und so gar nicht in die ihr zugedachte Rolle hineinpassen will. In der Pasinger Fabrik lasen und performten die Villa Waldberta-Stipendiatinnen am Sonntagabend das Ergebnis ihrer Textrecherche.

Lässt sich "Kaiserin sein" subtrahieren vom "Sisi sein"? Was bleibt übrig, wenn man sich das knöchellange Haar einmal wegdenkt? Filmisch in Szene gesetzt und sprachlich verdichtet beschreibt Sophie Reyer das Psychogramm einer Essgestörten, die mit gezielten Angriffen auf den eigenen Körper gegen die öffentliche Stilisierung angeht und doch darin gefangen bleibt: "Rosa ist eine Farbe gegen die Traurigkeit", zitiert Judith Pfeifer die Kaiserin. "Schreiben war für Elisabeth wie Therapie", erklärt Augusta Laar, Münchner Schriftstellerin und Initiatorin des Projekts; sie moderierte die Lesung. Die meisten Gedichte habe "Sisi" als 15-Jährige, unmittelbar nach ihrer Hochzeit mit Franz Jospeh, verfasst und dann erst wieder ab ihrem 50. Lebensjahr. Die Haarpracht, die sie so legendär werden ließ, sei der Kaiserin selbst eine unerträgliche Last gewesen. Das Gewicht habe ihr Kopfschmerz bereitet, und mehrmals täglich mussten ihre Flechten daher hochgehängt werden. Mit einer Körpergröße von etwa 1,75 Meter wog "Sisi" nur 45 Kilogramm und trieb täglich über viele Stunden Sport, um ihrem Image als Schönheitsideal gerecht zu werden.

Sport und Fasten für das Schönheitsideal
Ob sie das Projekt noch einmal machen würden, fragte Schriftstellerin Fabienne Pakleppa, die das Künstlergespräch im Anschluss an die Lesung führte. Eine Überdosis "Sisi" sei nicht zu leugnen, erwiderten die Dichterinnen, aber die Sympathie für die historische Person, die auch politisch sehr engagiert war, überwiege. "Ich fand Sisi wahnsinnig dekadent, weil sie zum Beispiel behauptete, Heine würde ihr die Gedichte in die Feder diktieren", erklärte Sophie Reyer. Die Brüchigkeit des Charakters sei für sie persönlich jedoch Anreiz, noch weiter in die Materie einzudringen.

Was sie wohl sagen würde, "wenn Sisi heute Abend im Publikum gesessen hätte", fragt Pakleppa noch zum Schluss. "Ich glaube, dass sie sich verstanden gefühlt hätte", antwortet Sandra Gugic.

A. Joepen-Schuster
__Sueddeutsche Zeitung, 30. September 2011
Literarische Sisi-Suche

Kaiserin Sisi war eine Migrantin. Ihre Heirat mit Kaiser Franz Joseph erforderte einen Umzug von Possenhofen am Starnberger See an den kaiserlichen Hof in Wien. Dort war sie bekanntlich nicht allzu glücklich. Ihr Leid, aber auch ihren Spott über das Intrigantentum am Hof hielt sie in rund 600 Gedichten fest, die man nach ihrem Tod in zwei Kassetten ihres Schreibtisches fand und die jahrzehntelang nicht an die Öffentlichkeit gelangten.

Erst 1978 sichtete und veröffentlichte die Historikerin Brigitte Hamann die Texte. Diesen teils witzigen, teils sehr melancholischen "Wolkenkraxeleien", wie Kaiser Franz Joseph Sisis Gedichte nannte, spüren drei junge Wiener Autorinnen nach, die sich, als temporäre Migrantinnen, mit Sisis Versen beschäftigen. Judith Pfeifer, Sandra Gugic und Sophie Reyer, die als Gäste der Villa Waldberta derzeit in unmittelbarer Nachbarschaft von Possenhofen wohnen, mixten in Zusammenarbeit mit der Münchner Dichterin Augusta Laar die Gedichte neu, verdichteten und verfilmten sie, suchten nach ihrer persönlichen Sisi. Die Ergeb nisse der experimentellen Wanderungen stellen sie an diesem Sonntag im "Salon der Dichterinnen" vor.
srh
__Münchner Merkur, 15. Dezember 2010
SCHAMROCK SALON DER DICHTERINNEN
Überleben im Münchner Literaturbetrieb

2009 hat Augusta Laar "Schamrock" mitbegründet, ein Forum und Netzwerk für Lyrikerinnen. Vier mal im Jahr stellen sich seitdem Künstlerinnen im "Salon der Dichterinnen" vor. Dieses Mal lautete das Motto "Lebt und arbeitet in München".

Die drei Münchner Schreiberinnen Tamara Ralis, Sarah Ines Struck und Birgit Müller-Wieland rezitierten ihre Gedichte und diskutierten über ihre Arbeit in der Landeshauptstadt ... Eindrücklich las Müller-Wieland, 1962 geboren, ihre Gedichte über das Salzkammergut, über Berlin Mitte und über München, wo sie seit drei Jahren lebt. Die gebürtige Österreicherin mit der sanften Stimme hat trotz lockiger, blonder Mähne etwas Bodenständiges, Ruhiges an sich. Ihr glaubt der Zuhörer die naturromantischen Stimmungsbilder ihrer Texte ebenso wie ihrer Kollegin Sarah Ines Struck - Künstlername Sarah Ines - deren drastische Erotik.

Im dekolletierten, schwarzen Kleid, mit kirschrotem Schal, schwarzen Stiefeln mit hohen Absätzen und rot geschminkten Lippen rezitierte sie mit festem Blick und rauer Stimme Gedichte über Menstruation und Masturbation.

Zart und trotzdem sehr präsent wirkt die Erscheinung von Tamara Ralis. Das lange, dunkle Haar hat sie an den Seiten zurückgesteckt, ihre filigrane Gestalt in einen großen, grauen Wollschal gehüllt. Die Künstlerin, die 1970 an der Otto Falckenberg Schule in München studiert hat, trug ihre verrätselten Gedichte konzentriert und mit professionell geschulter Stimme vor ...

Anna Schmid
__Münchner Merkur, 9. Dezember 2010
SCHAMROCK
Netzwerk für Autorinnen schaffen

Frauen sind nicht so kämpferisch wie Männer, findet Augusta Laar. Den Literaturbetrieb dominiere deshalb das männliche Geschlecht. Augusta Laar lebt in Krailling und Wien, ist Künstlerin, Lyrikerin, Musikerin und organisiert seit 2009 die Veranstaltungsreihe "Schamrock - Salon der Dichterinnen". Laar gibt sich kämpferisch. Mit ihrer Veranstaltungsreihe, die am kommenden Samstag in die achte Runde geht, will sie Lyrikerinnen eine Plattform bieten. "Ich habe es am eigenen Leib erfahren, dass es für Lyrikerinnen weniger Möglichkeiten für Lesungen gibt, als für männliche Kollegen" ...
Schamrock wird finanziell vom Kulturreferat München unterstützt. "Lyrik trägt sich nie selbst ... Die Leserschaft von Lyrik sei heute zahlenmäßig die gleiche wie zu Goethes Zeiten. Die Fördermittel des Kulturreferats werden jedoch Ende 2010 reduziert. Jetzt muss ich eine Stiftung suchen, die die Reihe in Zukunft mitfördert."

Eine Herausforderung, die der Kraillingerin keine Sorgen bereitet. Mittlerweile sei sie bestens vernetzt, erzählt Laar. Das Programm für das kommende Jahr steht bereits. Autorinnen der Künstlerinnenvereinigung GEDOK werden in der Pasinger Fabrik zu Gast sein. Einen Abend will Laar der Poesie aus der Schweiz widmen, einen Lyrikerinnen aus Österreich. Unter dem Motto "Lyrikerinnen mit Band" steigt Laar selbst auf die Bühne – zusammen mit ihrer Band "Kunst oder Unfall". Sogar das Programm für 2012 ist schon in Arbeit. Laar plant ein zweitägiges Literaturfestival. mad
__Münchner Merkur, 27. Oktober 2010
SALON DER DICHTERINNEN
Die Kunst des Wieners


Zum siebten Mal hat am Sonntagabend in der Pasinger Fabrik der Salon der Dichterinnen unter dem Titel "Schamrock" seine Türen geöffnet, zum ersten Mal stand Augusta Laar alleine als Veranstalterin auf der Bühne. "Aus persönlichen Gründen" sei Schamrock-Mitbegründerin Gabriele Trinckler ausgeschieden, teilte eine sichtlich bewegte Augusta Laar dem Publikum mit.

Am Konzept der 2009 begründeten Reihe "Schamrock" soll sich aber vorerst nichts ändern: "Es ist immer noch Not an der Frau", so Laar, die ein "grenz- und generationenübergreifendes Netzwerk für Dichterinnen" im von Männern dominierten Literaturbetrieb etablieren will ... "Made in Austria" stand am Sonntag als Motto über der Lesung von vier Wiener Dichterinnen in der Pasinger Fabrik. Freilich, abgesehen von dem gemeinsamen Wohnort hatten diese vier Autorinnen kaum etwas gemeinsam: Die vorgestellten Texte hätten kaum unterschiedlicher sein können.

Den Anfang machte Anna Guentcheva, die in Usbekistan geboren und in Bulgarien aufgewachsen, seit 1993 in Wien lebt. Seit 2000 schreibt die Autorin ausschließlich in deutscher Sprache. Fast scheint es, als hätte sie ihr Herz an die Ecken und Kanten der deutschen Sprache verloren, die sie beim Vortrag mit einem immer noch harten Akzent herausarbeitet. Es geht um "mundschweres Zauberwerk", um eine bilderreiche und geheimnisvolle Sprache, die ihre Anleihen in der Welt der Märchen und im Alltag nimmt. Die Autorin erzählt von "Einhornswunden" und "bösen Hexen" und fragt schließlich: "Wer öffnet der Sprache, wer nimmt ihr die Taschen voll müder Worte ab."

Dann aber betritt die kluge und wortwitzige Judith Pfeiffer die Bühne, die als Politikwissenschaftlerin "im richtigen Leben" gerade an ihrer Dissertation über die Türken vor Wien sitzt, und deren Gedichte geistreiche sprachliche Lockerungsübungen sind. Sie beginnt mit einem Wortspiel um das klanglich so reizvolle "Ü" und endet mit einem ebensolchen um das "U", um den "Zuber des Ugenblicks". Judith Pfeifer "wienert" und "entwienert" sich selbst, sie schreibt: "Habe Liebe gefunden, fühlt sich an wie von der Stange, passt."

Schließlich ist man dann, Entwienern hin oder her, mit Carina Nekolny in einem geradezu schnitzlerschen Kosmos angelangt: Sie gibt eine knackige Kostprobe aus ihrer Porno-Lyrik. Es ist nun nicht nur das Fachvokabular, das sie im Schaufenster eines Erotik-Shops zum Thema "extreme perversities" fand und von dem sie sich zu diesen Gedichtzeilen anregen ließ, es ist vor allem ihr herber Dialekt, der ihren Vortrag zu einer sprachlichen Fernreise macht. Worte wie "Pornoheftl" und "Schwanzringerl", aber auch "Kabinensex" und "Naturchampagner" klingen bei ihr, als wären es Köstlichkeiten aus einer wienerischen Konditorei.

Fast betulich wirken im Vergleich dazu die Texte aus dem "Requiem-Zyklus" der Dichterin Traude Korosa -der vierten im Bunde. Mit pathetischem Grundton hat sie Hymnen auf bekannte und eher unbekannte Künstlerpersönlichkeiten gedichtet. "Der Dichter ist tot, seine Gedichte leben", schreibt sie etwa über den Literaten Paul Celan...

Katja Sebald
__Münchner Merkur, 27. Juli 2010
Kreative Kinder braucht das Land
Salon der Dichterinnen: Lydia Daher und Andrea Heuser wollen Jugendlichen Lust auf Lyrik machen Mit Lyrik die Gesellschaft bereichern das ist erklärtes Ziel von Gabriele Trinckler und Augusta Laar, die seit 2009 viermal im Jahr ihren 'Salon der Dichterinnen' in der Pasinger Fabrik öffnen. Wie aber kann man die Gesellschaft mit Lyrik, insbesondere mit Lyrik von Frauen, bereichern, wenn das Publikum dafür ohnehin schon klein ist und außerdem nur ein winziges Spektrum der Gesellschaft abdeckt? ...

'Lust auf Lyrik' heißt ein Modellprojekt, das vom Münchner Lyrikkabinett ausgeht und Dichter und ihre Gedichte sowie die Lust aufs Selberdichten in die Schulen bringen will. Mit Andrea Heuser und Lydia Daher waren in der Pasinger Fabrik zwei Lyrikerinnen zu Gast, die im Rahmen dieses Projekts Workshops mit Jugendlichen durchgeführt haben, auch Anja Tuckermann dichtet mit Kindern und lässt sich von diesen zu ihren eigenen Texten inspirieren. In Zeiten, in denen Gedichte in der Schule immer noch als Strafarbeiten aufgegeben werden und in denen fast die Hälfte aller Eltern bekennen, sie würden ihren Kindern nie oder nur sehr selten vorlesen, hat es die Lyrik bei Jugendlichen schwer, berichteten die Dichterinnen übereinstimmend. Kreative Kinder aber braucht das Land, so die Einschätzung von Gabriele Trinckler, denn Kreativsein formt die Persönlichkeit: 'Über kurz oder lang könnte davon die ganze Gesellschaft profitieren.'

Wären am Sonntag Jugendliche im Publikum gesessen, sie hätten wohl insbesondere durch Lydia Daher tatsächlich 'Lust auf Lyrik' bekommen: Die 30 Jährige, die in Augsburg lebt, wurde nämlich nicht nur für ihre Gedichte bereits mehrfach ausgezeichnet, sie gilt seit ihrer Debüt-CD 'Lydia Daher' auch als 'die Entdeckung der deutschen Popmusik'. Uber das erste Verliebtsein sei sie selbst zum Schreiben gekommen, ihre wundersam lapidaren Texte, für die sie 'Worte findet, nachts unter einer Cordhose', zeichnen sich durch ihre sehr leise Poesie und ihre ausgesprochen charmante Schnoddrigkeit aus: Sie sind kleine Alltagsbeobachtungen, 'Bettgedichte' oder einfach 'Gedichte gegen die Langeweile', ihre klugen Wahrheiten sind wie 'Windspiele aus Marmor' oder wie 'eine Pfütze mit drei Zigarettenstummeln'.

Mit Sprachklang, mit der Schönheit einzelner Worte, aber auch mit der Musik von Wortfolgen bestechen die Gedichte der Literaturwissenschaftlerin Andrea Heuser: Mit 'Löwenzahnwiese, Ginster und Flieder' oder 'Kuchen, Limo und Beinen' entwirft sie bezaubernde Sommerwortbilder, mit 'Puppenköpfen, Förmchen und Pferden' beschwört sie die Kindheit, sie schreibt in ihrer 'Altkleidersprache' über den Zauber, der sich zuweilen zwischen 'Gartenschaukel' und 'Hintertür' versteckt.

Die Kindheit mit ihren Traum und Bilderwelten lebt auch in den Gedichten von Anja Tuckermann weiter: Sie erzählt von einem 'alten Kater im Dorf auf dem Hügel' und von der 'Schildkröte, die es sich unter ihrem Panzer gemütlich macht'. Sie besucht 'Zwerge, die unter Wurzeln wohnen' und lässt 'ein Gewitter auf langen dünnen Beinen über den Berg wandern.'
__Münchner Merkur, 23. März 2010
Schweiz als Land der Vielsprachigkeit
Wir bauen ein grenzübergreifendes Netzwerk für Dichterinnen jeden Alters auf, erklärte Laar. So waren am Sonntag drei Schweizerinnen zu Gast. Die drei Dichterinnen, die sich selbst vorher nicht kannten, leben und arbeiten in verschiedenen Kantonen der Schweiz und stammen aus unterschiedlichen Sprachräumen.
Die Autorinnen lesen unter anderem auf Hochdeutsch, Schwyzerdütsch, Französisch oder auch im bei uns selten gehörten Rätoromanisch, so die Moderatorin des Abends Augusta Laar bei ihrer Einführung. Die Drei zeigen, dass die Schweiz nicht nur für präzise Uhrwerke, Wintersport und Bankenwesen bekannt ist, sondern als ein Land der Vielsprachigkeit.

Den Anfang machte die jüngste im Bunde, Tania Kummer (1976) aus Zürich. Sie trug zuerst Passagen aus ihrem zweiten Gedichtband 'unverbindlich' vor. Auf Hochdeutsch, mit schwyzerdütschem Akzent. Die Züricher Dichterin formuliert ihre Worte präzise, aktuell und an der Gesellschaft orientiert. So thematisiert sie zum Beispiel die Weltwirtschaftskrise, aber auch das Älterwerden oder die Liebe.
Bevor sie zum Schluss ihrer Lesung ein Liebesgedicht zu Gehör brachte, nahm Kummer die Zuhörer noch mit auf eine Reise nach Vicenza (Italien) in die 'Villa Valmarana'. Vielleicht waren Sie schon da, fragte die Poetin. Goethe war schon da. Es folgte eine spezielle Begegnung mit ihr, der jungen Dichterin, und dem deutschen Dichterfürsten johann Wolfgang von Goethe. Der hatte einst die Villa auf seiner 'Italienreise' besucht.

Die Zweite auf dem Podium ist Leta Semadeni (1944). Sie lebt im Engardin und arbeitet hauptberuflich als Lehrerin. Ihre Muttersprache ist rätoromanisch. Aber die deutsche Sprache ist ihre erste große Liebe, erläuterte Laar. Ihre Lyrik präsentierte Leta Semadeni dann folgerichtig in zwei Sprachen. So erklangen ihre 'Küchengedichte' zuerst auf Deutsch und dann auf Rätoromanisch. Mit Ton, flirrenden Bildern auf Leinwand und schnellen Wortlautrhythmen beendete die aus Düsseldorf stammende, aber seit Jahren in Genf lebende Heike Fiedler (1963) den Salon der Dichterinnen. Die Soundpoetin experimentierte mit ausdrucksvoller Stimme und entfachte ein temporeiches Sprachspiel in englischer, deutscher und französischer Sprache. 

hoe  
__Süddeutsche Zeitung, 25. September 2009
Yoko Ono und die Waffelbildchen
Die Lyrikerinnen Teicher-Maier, Breitenbach und Laar lesen im 'Schamrock'-Salon

Der Herbst ist nicht allein inhaltlich attraktiv für die Lyrik, er bietet auch eine Heimat. Das zumindest beweist die dritte Lesung im Salon der Dichterinnen, 'Schamrock'. 'Generation III Herbst' lautete das Motto des Abends, eingeladen waren drei Lyrikerinnen, deren Geburten in die fünfziger Jahre fielen ...

Den Anfang machte Ursula Teicher-Maier, geboren 1957. Die Lyrikerin hat sich zu Beginn des Jahres ein ungewöhnliches Projekt vorgenommen: Einmal in der Woche lässt sie sich von einem Zeitungstitelfoto zu einem Gedicht inspirieren. In Erinnerung bleibt ein Gedicht zu dem Foto 'Erdrutsch im Harzvorland' und der Gedanke, dass ein Haus immer wieder zur Hälfte vom Erdboden verschluckt wird bei jedem.

Gedichte mit frechem Humor stellt die 1952 geborene Lyrikerin Anna Breitenbach vor, kurze Alltagsbeobachtungen, durch die scharfe Brille gesehen. 'Ich habe zwei Fußballgedichte', sagt sie, liest dann das über die Frage, wo sie spiele: 'Mittelfeld, sage ich, und nur für mich dazu: eigentlich Sturm.' Inspiriert worden sei sie dazu beim Essen einer Hanuta-Waffel und dem Betrachten des mit ausgepackten Fußballbildchens. Manchmal ziehen ihre Gedichte einen Bogen vom Humor zum Erschrecken, etwa jenes von der Spinne auf dem Autobeifahrersitz, die ein imposantes Netz gewoben hat - ein Bild dafür, dass neben dem lyrischen Ich schon lange niemand mehr Platz nimmt.

Die Dritte im Bunde der Herbst-Dichterinnen ist Augusta Laar, Mitveranstalterin und -schöpferin von 'Schamrock'. Sie tritt gemeinsam mit der Cellistin Johanna Varner auf, die zu den oft hermetischen, sich vor allem aus der Lesart des Klangbildes erschließenden Gedichte von Augusta Laar mal gestrichene, mal gezupfte Co-Klangbilder improvisiert. Es ist die ganz besondere, schon zu einem Erkennungsmerkmal gewordene Vortragsart der Künstlerin Laar, die ihre Lyrik auszeichnet. Die auf diese Weise aufzuschnappende Zeile 'featuring Yoko Ono' mag durchaus ein Hinweis auf den künstlerischen Kontext sein. Eine bunte, vielseitige und oft sehr bewegende Herbst-Lesung im Salon der Dichterinnen.

Sabine Zaplin
__Münchner Merkur, 23. September 2009
Weibliche Poesiezonen
Drei Lyrikerinnen erzählen, wie sie mit dem Älterwerden umgehen

... Mit Anna Breitenbach aus Esslingen, Ursula Teicher-Maier aus Dieburg bei Darmstadt und der in Krailling lebenden Augusta Laar selbst traten an diesem Abend drei Dichterinnen auf, die alle in den 1950er Jahren geboren wurden und die gesellschaftlichen Umwälzungen zur technik- und mediengehypten Welt von heute so bewusst wie keine andere Generation erlebt haben. Nun sind sie zwischen 50 und 60 Jahre alt und erleben ihren Herbst: Reife und Gelassenheit, aber auch einen müde werdenden Körper, erste Alterserscheinungen. Wie sich die drei diesen Herausforderungen stellen, das hätte kaum unterschiedlicher ausfallen können.

Während Teicher-Maier von ihr so genannte 'Poesiezonen' ausweist und sich mit Zeitungsfotos vom Titelblatt der Regionalzeitung ihrer Heimat einen engen Rahmen für ihre eher beschreibenden Gedichte steckt, die sie ein Jahr lang fortlaufend im Wochenrhythmus produzieren will, entstehen die Gedichte von Breitenbach auf lustvollere und humorvollere Weise: Assoziativ durchstreift sie ihr Alltagsleben und fügt ihre Eindrücke zu witzigen Versen. Ob es die geblümte Kittelschürze vom italienischen Wochenmarkt ist, auf die sie als hippes 'Modell Domina' eine Hymne schreibt, oder ein zwar winziges, aber ungemein tiefsinniges 'Fußballgedicht', ob sie dem Hund Eddy einen Text widmet oder der 'Wasserflasche in meiner Umhängetasche': Immer bleibt sie ihrem Motto treu, dass man als Frau stets den passenden Lippenstift tragen und das Leben mit ironischem Augenzwinkern nehmen sollte.

Ins Niemandsland zwischen Text und Musik entführte schließlich Laar ihre Zuhörer. Sie trat mit der Cellistin Johanna Varner auf, sie selbst lotete mit ihrer expressiven Stimme und Wortlautrhythmen zu sphärischen Celloklängen die Grenzen ihres eigenen Ichs aus: eine lange klagende Ballade, in der 'auch der Tod barfuß geht'.

Katja Sebald
__Süddeutsche Zeitung, 10. Februar 2009
Frühling unterm Schamrock
Lyrikprojekt von Augusta Laar und Gabriele Trinckler 

Dichterinnen gab es gewiss in allen Zeiten. Dass sie nicht schlechter als ihre männlichen Kollegen waren, dennoch nur selten deren Vormachtstellung zu trotzen vermochten, wissen wir auch schon lange. Daran habe sich aber bis heute noch nicht genug geändert, erinnerten die Kraillinger Allroundkünstlerin Augusta Laar und die Dichterin, Lektorin und Herausgeberin - Mitarbeiterin des Weßlinger Verlegers Anton G. Leitner - Gabriele Trinckler. Das habe sie dazu bewogen, 'Schamrock', den moderierten Salon der Dichterinnen in der Pasinger Fabrik zu veranstalten. Eine Reihe von Lesungen und Podiumsdiskussionen, die ausschließlich den weiblichen Wortkünstlern aus vier Generationen mit den Jahreszeiten der Veranstaltungstermine assoziiert ein Podium bietet. Dass der Frühling sich dicht am Puls der Zeit präsentierte, lag nicht nur an der Jugend der Gäste ...
__Münchner Merkur, 10. Februar 2009

Im Salon der Dichterinnen

Ein Netzwerk für Dichterinnen zu schaffen - das ist die Idee von 'Schamrock': Die beiden Autorinnen Augusta Laar und Gabriele Trinckler haben den 'Salon der Dichterinnen', der am Sonntagabend erstmals in der Pasinger Fabrik stattfand und vom Kulturreferat der Stadt München unterstützt wird, ins Leben gerufen. Die Veranstaltungsreihe soll entsprechend den vier Jahreszeiten Dichterinnen jeden Alters präsentieren: Die 1982 geborene Berlinerin Mara Genschel und die beiden 1977 geborenen Münchnerinnen Theres Lehn und Ruth Wiebusch standen bei der gut besuchten Auftaktveranstaltung für den Frühling, im Sommer werden Autorinnen bis Mitte vierzig, im Herbst Frauen bis Anfang sechzig und im Winter ab Sechzigjährige zu hören sein. 'Wir werden gute Gedichte von versierten Autorinnen vorstellen', versprach Trinckler, die als Redakteurin der Zeitschrift 'Das Gedicht' sozusagen an der Quelle zur aktuellen, Lyrik sitzt. Wie auch die Kraillinger Künstlerin Augusta Laar schreibt sie selbst Gedichte, gemeinsam haben sie bereits in München und Wien Lyrikprojekte veranstaltet ...
__Süddeutsche Zeitung, 7./8. Februar 2009
Salon der Dichterinnen
Neues Lyrikprojekt 'Schamrock' in der Pasinger Fabrik

'Schamrock - Salon der Dichterinnen' nennt sich eine neue Veranstaltungsreihe in der Pasinger Fabrik, die am heutigen Samstag um 19 Uhr auf der Kleinen Bühne startet. Die beiden Initiatorinnen der Reihe, die Kraillinger Performance-Künstlerin Augusta Laar und die Münchner Lyrikerin Gabriele Trinckler, wollen mit 'Schamrock' ein regelmäßiges Präsentationsforum schaffen ...