Internationale Poetry-Biennale  -  Filmfestival  -  Salon  -  Netzwerk



___Festival spezial 2017________________________________

Ulrike Almut Sandig
(D)
Montag, 6. November, 19 Uhr
Villa Concordia
Dienstag, 7. November, 19 Uhr
Alte Seilerei


Foto Dirk Skiba/ Schöffling & Co

ulrike-almut-sandig.de/

Ulrike Almut Sandig wurde 1979 in Großenhain geboren und wuchs in einem Pfarrhaushalt in Sachsen auf. Ihre Gedichte wurden vielfach verfilmt und ausgezeichnet, unter anderem mit dem Leonce-und-Lena-Preis 2009. Für ihre Sprechkonzerte und Hörstücke arbeitet sie eng mit Musikerinnen und Komponisten zusammen.

Neben drei Gedichtbänden erschienen bisher zwei Hörbücher, zwei Erzählungsbände sowie zahlreiche Hörspiele. 2017 war sie Poetin in Residence an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, hielt die Mainzer Poetikdozentur und wurde mit dem Literaturpreis Text & Sprache des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Ulrike Almut Sandig was born in 1979 and lives in Berlin. She studied Religious Studies and Modern Indology and at the Institute for German Literature in Leipzig and was co-editor of the literary magazine EDIT.

She is the author of stories, poems, radio pieces and language performances, where she collaborates closely with musicians and composers. Ulrike Almut Sandig has been invited to many international literary festivals, exchanges and residencies.

Her poems have been widely anthologized and received, among other awards, the renowned Leonce-and-Lena Prize. In 2015 Ugly Duckling Presse (Brooklyn, USA) launched a selection of her early poems in Bradley Schmidt’s translation. In 2018, the publishing venture Seagull Books is going to release her book „Thick of it“.

sel. previous publications: Dickicht (Thicket, Poems, 2011), Märzwald (Marchwoods, Audio Book 2011); sel. awards: Scholarship by the Senate of Berlin 2014, Leonce and Lena Prize, Hotlist Prize (Best Books from Independent Publishers)

im Anfang steht niemand.
im Anfangsland lag ich und schrie.
am Ende schweig ich und zieh
ein weiß beschriftetes Spruchband
hinter mir her. was draufsteht?
am Anfang, am Ende der gleiche
Vokal und immer, immer im Liegen
hört ihr meinen Anfang: ich bin
ein Strom, der in andere mündet
in den wieder andere münden.
ich bin ganz aus Sprache gemacht
ich bin ein irrer Anfangsvokal
Alleinstellungsmerkmal meiner
verlorenen Art, die sprechen muss
um sich selbst zu begreifen. wir
sind allein und jetzt alle zusammen:
dona nobis pacem uns zartem
gefräßigem Alphagetier. ich bin
nicht allein. du bist nicht allein
wir irren, o Herr, von einem Verhör
zum andern und stecken einander
Messer rein: ich habe, du hast
nein, wir haben wohl eine Tendenz
zur Ausuferung, also wo ist, o
Big Bang, der Anfang vom Argen?
im Anfangsland lag mein Flüsschen
mit Schnabel. am Anfang lag ich
niemand war ich und niemand
werde ich sein. dazwischen bin ich
Stimmgabel aus flüssigem Stoff
ich bin mein eigenes Lied aus dem Off
über ein vollkommen weißes
Rapsfeld im Schnee

Anleitung zum Fliegen

  1. I  breite die Arme schulterhoch aus. verhalte dich, als könntest du fliegen.

  2. II  sei wie der Pfarrer im schwarzen Talar, der ohne es selber zu merken mitten im Schlusssegen vom Boden abhob, zum Glockenstuhl flog und von dort aus in tiefen Schlaf fiel und fiel.

  3. III  halte dich an die windschiefen Hecken am Dorfrand, die Nebelbänke, die Wälder.

  4. IV  rüttel am Backpfeifenbaum der Geschichte.

  5. V  lass dich nicht hetzen. und wenn sie dich hetzen, dann flieh.

  6. VI  lass dich nicht schinden. und wenn sie dich schinden, finde heraus.

  7. VII  finde Verstecke. kletter auf Bäume, bau dir kein Haus.

  8. VIII  sei wie die Fliege mit Schlinge um den Chitinhals, die Runde um Runde im Küchenlicht flog, bis ein gelangweilter Junge genug vom Spiel hatte. putz deine Wunden.

  9. IX  steig auf eine Grenzmauer und jubel darauf. kriech unter Maschendrahtzäunen hindurch.

  10. X  vertrau auf die Fliehkraft.

  11. XI  sei wie die Fledermaus, die ohne anzustoßen aus dem Laborfenster flog, nachdem man ihr beide Augen ausstach, um den Fledermaussinn zu erforschen.

  12. XII  benutz keine List. sei nicht getrost. zähle bis dreizehn und spring.

dieses Gedicht ist vollkommen durchsichtig
das ist gar nicht lesbar. das ist so gut

wie nicht da. das wurde noch gar nicht
geschrieben. das vollkommene Gedicht wird

nur gesungen und gesprochen, gespielt und
gehört und wieder von vorn abgespielt:

Geräusche in einem dunklen Gebäude
wie jene im Magen eines, o, großen Fisches

aus leuchtenden Dioden. Sie sehen gar nichts?
dann schauen Sie bitte knapp dran – vorbei

Grimm

wir schrieben uns Nachrichten auf rohen Eiern
wir hielten unsere Kratzer und Schleifen
auf Kalk für glückliche Zeichen, einander ohne
Rücksicht auf Verluste, buchstäblich alles
schreiben zu können, auf rohen Eiern zumal
und in schwankenden, hohen Gebäuden
wie gemacht, sich im heiteren Rasen der Erde
sacht zu bewegen. wir schrieben auf rohen Eiern
je nach Dringlichkeitsfaktor drückten wir
ordentlich auf, bis wieder eines kaputt war.
pah, kein Problem! wir hatten ja eine gegen
unendlich gehende Menge an rohen Eiern
im Kühlschrank, sie lagen zierlich und ziemlich
wie Zukunftsballons am Horizont hängen
hinter dem es weiter, immer weiter ginge
so hatten wir gehört. in unseren Wolkenkratzern
war immer Silvester und Ostern in einem
und wenn etwas brach, war schon mal
die ganze Seitenfront weg, und wir konnten
einander betrachten, mit wehendem Haar
und vollkommen ungestört in unseren
der Reihe nach einknickenden Lückenruinen
wie wir uns die Zeit mit dem Zerdrücken
von Eiern vertrieben. wir schwenkten
die klebrigen Arme zum Gruß und senkten
die Köpfe über eine gegen unendlich
gehende Menge an Scherben und Grimm.