Birgit Müller-Wieland

Am Attersee
Für H. H.

Kein Rosenwind, kein Segel am See,
alles ist still.
Ein Abend, der noch den Sommer
ahnen, uns lachen läßt, sprechen
von Geliebten, die im Sand versinken,
         von Booten und Botschaften und
freundlich trinken unsere Toten
mit uns am Tisch.

Ein Schwan zieht seine Bahn, ein Fisch
wirft Blasen, zartblau buckelt
das Höllengebirge den Horizont.
Wir sehen hinüber zum Schloß, zum Steg,
auf dem die Enten schlafen.
In welchem Traum sind sie daheim?

Am Weg zurück, in einen anderen Hafen,
an dem einen Baum vorbei, der Hand,
die in den Himmel schreibt,
seh ich im Feld die Hexen
ihre Besen binden.

Sie singen.

Fahrt nach Osten

Warum wir aufgebrochen sind
zwei freundliche Figuren zumeist mit gewissen
Vorstellungen vergänglicher Art die Haare
schräg in polnischer Zugluft passen wir gut
aufeinander auf den Boden brauchen wir
nicht für unsere gottlosen Gebete keine alte
Heimat in hitziger Erde keine Knochen
suchen wir kein bleiches Kreuz mit Zeichen was
fragt der Mitreisende was uns an diese Orte
treibe schmeißt seinen Arm in die reizende Gegend
Transkarpatien ich sammle sagt er Orden
zeigt seine Hand Wappen dort wo
die Uhren alle Zeiten schlagen und die Leute
lachen in vielen Sprachen weinen pflückt er

Metall und bunten Stoff aus dem Land

Hermes in Transkarpatien

Soll ich springen oder fliegen
überlegt er mittags
und breitet die Arme
hoch oben am Kupferdach

Heiß ist Mucaceve im Sommer
eine Stadt mit vielen Zeiten
hinter verriegelten Türen Wispern
Fenster die in helle und dunkle Vorzeit führn
 
Am Kaufhausdach tänzeln derweil zierliche Füße
und wie seine Flügelschuhe glänzen
sehen auch die Karpaten
weit hinten am Horizont

In ihrem gleichmütigen Grün erwarten
sie weder Sturz noch Flug und wir
in Herrn Molnars Weinlaube sitzen hier
vielsprachig zugetan einem anderen Gott

Stories
Rom, Protestantischer Friedhof

Der Engel hat das Gesicht auf den Stein gelegt.
Als ob er schliefe.
Ein Arm hängt zart hinunter zum Grab. Auf dem anderen ruht die Stirn.
Es scheint, als ob sein Mund im Schlaf nach unten riefe.

Zu ihr hinab:
Emelyn Story, so erzählt der Stein, wurde alt und sehr geliebt.
Der Engel kniet sich tiefer rein. Doch seine Flügel bleiben kalt,
auch wenn die Julisonne jeden Schatten siebt.

*

Ich wüßte gerne, was der Engel ruft.
Und hör der Katze zu, die auf dem Grab nun schnurrt.
Sie putzt und streckt die Pfote vor und rollt sich ein auf ihrem Bett.

(Das weiß ich später: Das da hört kein Menschen-Ohr. Nur mein Skelett
wars, das den Engelsruf vernahm.)

*

(The last work of W.W. Story:  Es starb der Mann, als der Engel vollendet war, im Oktober, at Vallombrosa, im gleichen Jahr. Executed in memory
of his beloved wife, Born Boston oct. 1820 Died Roma jan 7 1895.)